Zwischen den Zellen

Nicht Zelle, trotzdem Gewebe

Sehne, Faszie, Gefäßwand: An diesen Stellen liegt Material, das selbst aus keiner Zelle besteht. Chondroditeon beschreibt, woraus es zusammengesetzt ist, weshalb Abbildungen davon einen falschen Eindruck hinterlassen und welchen einen Satz die Europäische Union zu Kupfer in diesem Zusammenhang freigegeben hat.

Zur ausführlichen Erkundung

Material, das keine Zelle ist

Die meisten Gewebe lassen sich über ihre Zellen beschreiben: wie sie aussehen, was sie herstellen, in welchem Takt sie sich teilen. Beim Bindegewebe führt dieser Zugang an der Sache vorbei, denn der größte Teil seines Volumens liegt nicht in den Zellen, sondern zwischen ihnen.

Dieser Zwischenraum ist kein freier Platz. Er ist ausgefüllt mit langen Eiweißsträngen, mit verzweigten Zuckerketten und mit Wasser, das an diesen Ketten hängen bleibt. In der Fachsprache heißt die Mischung extrazelluläre Matrix, auf Deutsch auch Zwischenzellsubstanz.

Weil das Material außerhalb der Zellen liegt, wird es auch dort fertiggestellt. Die Zelle schleust Vorstufen hinaus, und erst draußen entsteht daraus eine Anordnung, die später Zug oder Druck aufnimmt. Enzyme, die daran mitarbeiten, müssen denselben Weg nehmen und ihre Arbeit fern von der Zelle verrichten, die sie gebildet hat.


Bestandteile, die nebeneinanderliegen

Drei Bestandteile, die unter dem Mikroskop nebeneinanderliegen und sich mit verschiedenen Verfahren getrennt sichtbar machen lassen.

Fasern

Lange Eiweißstränge, die sich zu Bündeln zusammenlegen. In einer Sehne verlaufen sie nahezu parallel, in einer Faszie in gekreuzten Lagen, in der Wand großer Gefäße in Ringen mit eingelagerten dehnbaren Anteilen. Dieselben Bauteile, anders sortiert.

Füllmasse

Verzweigte Zuckerketten mit vielen negativ geladenen Gruppen, dazwischen gebundenes Wasser. Dieser Anteil nimmt Druck auf: Er gibt unter Last Flüssigkeit ab und holt sie zurück, sobald die Last nachlässt. Im gewöhnlichen Präparat ist er kaum zu sehen.

Kupfer

Ein Spurenelement, das hier nicht als freies Teilchen vorliegt, sondern fest im Inneren ausgeschiedener Enzyme sitzt. Zu Kupfer und diesem Gewebe führt das Register der Europäischen Union genau eine geprüfte Formulierung:

„Kupfer trägt zur Erhaltung von normalem Bindegewebe bei“Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012


Hinter den Karten

Warum Abbildungen fast nur Fasern zeigen

Wer ein Lehrbuch aufschlägt, findet Bindegewebe meist als Gewirr aus Strängen mit einigen Zellkernen dazwischen. Dieses Bild entsteht zu einem guten Teil im Labor. Eine Probe wird haltbar gemacht, stufenweise entwässert, in Paraffin eingebettet, in wenige Mikrometer dünne Scheiben geschnitten und erst am Ende angefärbt.

Was wasserlöslich ist und beim Haltbarmachen nicht festgelegt wird, verlässt die Probe auf diesem Weg. Genau das trifft einen großen Teil der Füllmasse zwischen den Fasern. Auf dem fertigen Schnitt bleibt an ihrer Stelle eine helle Zone, die leer wirkt und es im lebenden Gewebe nie war.

Mit eigenen Verfahren lässt sie sich zurückholen. Ein Farbstoff, der saure Zuckerketten bindet, legt blau an, was zuvor als Zwischenraum durchging. Die Erkundung stellt die gebräuchlichen Verfahren nebeneinander und nennt zu jedem, was es zeigt und was es verwirft.

Hergestellt wird sie draußen

Die längste Zuckerkette dieses Gewebes trägt den Namen Hyaluronan. Sie besteht aus zwei sich abwechselnden Bausteinen, wiederholt dieses Paar tausendfach und erreicht dabei eine Länge im Mikrometerbereich — für ein einzelnes Molekül ist das viel.

Hergestellt wird sie nicht im Zellinneren. Das zuständige Enzym steckt in der äußeren Zellmembran und schiebt die Kette nach draußen, während sie noch verlängert wird. Die übrigen Zuckerketten des Gewebes entstehen umgekehrt: erst drinnen fertig, dann hinausgegeben.

Weil die Kette viele negativ geladene Gruppen trägt, hält sie Wasser fest. Der Raum zwischen den Fasern verhält sich dadurch wie ein Kissen. Unter Druck weicht Flüssigkeit zur Seite, nach dem Nachlassen strömt sie zurück, und dieser Wechsel wiederholt sich bei jeder Bewegung.

Erhaltung heißt Ersatz

Die Bestandteile halten unterschiedlich lange. Für Hyaluronan im lockeren Gewebe nennt die Fachliteratur Verweilzeiten in der Größenordnung von Tagen, während Faserproteine in einer Sehne über Jahre an ihrem Platz bleiben können. Dieselbe Gewebeart wird also an verschiedenen Stellen verschieden rasch erneuert.

Zuständig sind ortsansässige Zellen, die beides liefern: neues Material und die Enzyme, die altes zerlegen. Ein gleichbleibender Zustand ist deshalb kein Stillstand, sondern ein Gleichgewicht zwischen Abbau und Nachschub.

Aus dieser Beobachtung stammt auch das Verb, mit dem der Rechtstext weiter unten arbeitet. Er spricht vom Halten eines gewöhnlichen Zustands, nicht von einem Zuwachs und nicht von einer Wiederherstellung.


Ab hier zählt nur der Gesetzestext

Die Färbeverfahren, die lange Zuckerkette und die ungleichen Verweilzeiten stammen aus der Fachliteratur. Im Lebensmittelrecht der Europäischen Union zählt davon nichts. Dort gilt zu Kupfer und diesem Gewebe eine einzige geprüfte Formulierung, hinterlegt in einer Liste, aus der sie weder gekürzt noch sinngemäß nacherzählt werden darf:

„Kupfer trägt zur Erhaltung von normalem Bindegewebe bei“

Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012

Genannt sind ein Mineral, ein Gewebe und ein Verb. Eine Menge steht nicht darin, ebenso wenig ein Organ, ein Zelltyp oder ein Zeitraum. Über Schlaf oder Stimmung sagt der Satz nichts, und die Verfahren und Moleküle aus den Abschnitten darüber kommen im Register nicht vor. Sie erklären, weshalb dieser Zusammenhang überhaupt geprüft wurde, und gehören nicht zur Angabe selbst.


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